50 Jahre Kinderlachen und lebendige Geschichte - Die Kita St. Christoph feiert großes Jubiläum
Ein halbes Jahrhundert voller Wandel, Herzblut und pädagogischer Pionierarbeit: Die Kindertageseinrichtung St. Christoph feiert Ende Juli ihr 50-jähriges Bestehen. Seit dem 1. Januar 2022 bereichert die profilierte Einrichtung den Verbund der katholischen Kita IN gGmbH. Anlässlich dieses großen Meilensteins nimmt uns Kita-Leiterin Stephanie Neumair mit auf eine faszinierende Zeitreise. Im großen Jubiläums-Interview spricht sie über den Wandel von der Schlaghose der 1970er-Jahre hin zu modernen Rollenbildern, erklärt den international anerkannten Reggio-Ansatz in ihrem Haus und verrät, warum der Beruf der Erzieherin heute anspruchsvoller – aber auch schöner – ist denn je. Ein Blick hinter die Kulissen, der zeigt, wie moderne Pädagogik und verlässliche Werte Hand in Hand gehen.
Frage: Frau Neumair, wenn wir das Rad der Zeit genau 50 Jahre zurückdrehen: Wie sah der Alltag in St. Christoph bei der Eröffnung Mitte der 1970er-Jahre aus? Was waren damals die größten Unterschiede zu heute, wenn Sie an die Ausstattung, die Kleidung oder die damaligen Familienmodelle denken?“
Stephanie Neumair: „Ganz klar hat sich die Ausstattung von vielen kleinen Tischen und großen Regalen in den Gruppen mit den damals typischen Spielbereichen: Bauecke, Puppenküche, Leseecke, Malecke in jeder Gruppe hin zu unseren Funktionsräumen geändert. Damals saßen Kinder vornehmlich an den Tischen zum Spielen, Malen oder Basteln nach Vorlagen und aßen zu einer bestimmten Zeit alle gemeinsam die mitgebrachte Brotzeit von daheim. Die Gruppen waren geschlossen, der Tagesablauf von Pädagogen starr vorgegeben. Im Laufe der Zeit veränderten sich die Bedarfe der Familien und bereits 2003 installierten wir zur Entlastung der zunehmend beanspruchten Elternschaft ein gleitendes Frühstück in der Einrichtung, um das sich die Pädagoginnen kümmerten. Was wir als Entlastung dachten, wurde damals skeptisch angenommen, da Eltern sich der Kontrolle beraubt sahen, wieviel ihr Kind gegessen hatte. Heutzutage sind Eltern sehr dankbar für das Angebot. Das habe ich als junge Erzieherin damals selbst miterlebt. Auch die Funktionsräume finden großen Anklang. Die Gruppen sind nicht mehr geschlossen, so dass sich Kinder ganz im Sinne der Partizipation frei entscheiden können, mit wem sie wann wo und wie lange spielen. Wir haben viele Freiflächen geschaffen, um großzügiges Bauen und experimentelle Entfaltung zuzulassen und das Spielzeug größtenteils durch unspezifisches Material, also „Zeug zum Spielen“ ersetzt. Die Kleidung war immer schon den aktuellen Modetrends angepasst. So ging es von der Schlaghose (Siebzigerjahre) zu vielseitig und schrill (Achtzigerjahre), zu Latzhosen und lässiger Sportkleidung (Neunzigerjahre), zu T-Shirts mit Logo-Prints (Zweitausenderjahre). In all den Jahren war immer klar erkennbar, ob ein Mädchen oder ein Junge in der Kleidung steckt. Erst Anfang der Zehnerjahre durch das Aufkommen von Social Media kam erstmals geschlechtsneutrale Kleidung für Kinder auf. Heute spiegelt Kinderkleidung Erwachsenenmode wider. In unserer KiTa findet man bei Oberteilen die aktuell angesagten Kinderhelden: Anna und Elsa, Superhelden wie Spiderman, Hulk oder auch Dinosaurier. Geschlechterübergreifend sieht man Paw Patrol auf der Kinderkleidung. Ganz gravierend ist der Unterschied der Familienmodelle. Wo früher Eltern mit Großeltern eng verbunden waren und die Mutter als Hausfrau bei den Kindern blieb, war ein Kindergartenplatz nicht zwingend notwendig. Heutzutage ist die Mutter in den meisten Fällen ebenfalls berufstätig, die Großeltern wohnen nicht in der Nähe, und die Familie ist auf eine Betreuung außerhalb der Familie zwingend angewiesen.“
Frage: Früher wurde in Kindergärten oft noch gebastelt, nach „Schablone“ und alle Kinder mussten zur gleichen Zeit das Gleiche tun. Wie hat sich das pädagogische Verständnis in St. Christoph über die Jahrzehnte hinweg verändert – und wie sieht der moderne Alltag der Kinder heute aus?“
Stephanie Neumair: „Nun, früher war die pädagogische Haltung geprägt von Autorität. Aber bereits in den Siebzigerjahren, als unsere KiTa von Pfarrer Andreas Risch in Auftrag gegeben wurde, gab es einen pädagogischen Umbruch. Gehorsam und Unterordnung wurden durch den Gedanken der freien Entfaltung von Kindern ersetzt. Bereits in den Neunzigerjahren wurden Kinderrechte etabliert. Sie finden diese festverankert in unserem Eingangsbereich mit Ketten als Symbol: in unserer Einrichtung stehen wir für Kinderrechte ein und sind stetig in Reflexion und Weiterentwicklung unserer pädagogischen Haltung. In den Neunzigerjahren wurde bereits eine erste Konzeption in unserem Haus erstellt, an der seitdem kontinuierlich weitergearbeitet wird. Im Jahr 2000 entstand das erste Qualitätshandbuch. In St. Christoph war man schon immer am Puls der Zeit. Dafür sorgte nicht zuletzt die langjährige Leiterin Angelika Klier. Viele Jahre war der Situationsansatz, der die individuellen Lebenswelten, Bedürfnisse und Erfahrungen der Kinder in den Mittelpunkt stellt, anstatt starre Lehrpläne abzuarbeiten, die gelebte Pädagogik in unserem Haus. Sie sehen also, verpflichtende Vorschulblätter und Arbeitsblätter sind schon seit Jahrzenten in unserer Arbeit passé. Seit 2016 orientiert sich unsere KiTa an dem Reggio-Ansatz. Die Anerkennung zur Reggio KiTa erfolgte 2018 im Mai. Diese Pädagogik ist ein international anerkannter, ganzheitlicher Erziehungsansatz aus Norditalien, der das Kind als neugierigen Konstrukteur seiner Entwicklung betrachtet. Im Zentrum stehen deshalb bei uns die Projektarbeiten, eine anregende Raumgestaltung sowie eine enge partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Eltern. Projektarbeit statt Frontalunterricht. Themen entstehen aus den alltäglichen Beobachtungen und Interessen der Kinder. Wir begleiten diese Projekte und geben keine fertigen Lösungen vor. Deshalb findet bei uns die Vorschule im klassischen Sinne einmal die Woche nicht mehr statt. Ich möchte an dieser Stelle den bekannten Hirnforscher Gerald Hüther zitieren: „Jedes Kind lernt gerne – aber nur ohne Druck. Hirnforscher wissen, wie Kinder lernen: Wenn sie es mit Begeisterung tun!“.
Darum ist das heutige Credo nicht mehr: erklären und leiten, sondern beobachten und dokumentieren! Die Kinder in unserem Haus erfahren erste mathematische Zusammenhänge sowie Schrift und naturwissenschaftliches Forschen im Alltag durch die Raumgestaltung und die Projekte, die durch intensive Beobachtung entstehen. So lernen heute Kinder in ihrem eigenen Tempo und nicht mehr wie früher, wenn es die Pädagogin für sinnvoll hält.
Abschließend möchte ich die Digitalisierung hervorheben, die auch den Alltag der KiTa betrifft. Der Bereich Medienbildung ist im bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan neu überarbeitet und beschreibt neue Basiskompetenzen, die Kinder in der KiTa im Umgang mit den digitalen Medien entwickeln sollen. Dies stellt so manche Kolleginnen und Eltern vor Herausforderungen.“
Frage: „Nicht nur für die Kinder, auch für das Team hat sich viel getan. Aus „Tanten“ wurden hochqualifizierte pädagogische Fachkräfte, und die Anforderungen an Dokumentation, Sprachförderung und Inklusion sind enorm gewachsen. Welches sind aus Ihrer Sicht die prägendsten Veränderungen im Berufsbild der Erzieherinnen und Erzieher in den letzten fünf Jahrzenten?“
Stephanie Neumair: „Früher war man primär eine fürsorgliche Betreuungskraft, an das „Geh mal zu dem Fräulein!“ und „Ah, eine Kindergärtnerin!“ kann ich mich auch noch erinnern. Der Beruf hat sich zu einem hochprofessionalisierten und komplexen Arbeitsfeld entwickelt, und man nennt uns nun Pädagogen. Vom früheren Kernauftrag zur reinen Bewahrung und Sozialisation von Kindern, salopp gesagt vom Singen, Basteln und Beaufsichtigen ist nichts mehr übrig. Man begleitet, unterstützt, fördert, besucht Fortbildungen zu Themen wie Kinderschutz, Partizipation, Ko-Konstruktion, Bereich digitale Medien und Inklusion. Die Einführung des verbindlichen Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans im Herbst 2005 war ein Meilenstein.
Ebenso waren die verbindliche Verankerung der Kinderrechte 1992 im Bundesgesetz und die bedürfnisorientierte Erziehung prägend für die pädagogische Entwicklung! Die Inklusion von Kindern mit besonderen Bedarfen kam in den letzten Jahren in unserem Haus stärker in den Fokus. Seit drei Jahren sind mehrere Integrationsplätze installiert. Für das neue Kindergartenjahr ist eine Teamfortbildung zur Inklusion geplant.
Heute steht die individuelle Förderung der Selbstständigkeit und der emotionalen Intelligenz im Mittelpunkt, während früher starre Tagesabläufe und Regeln den Alltag bestimmten. Auch wir hatten ganz klar für die Kinder den Alltag strukturiert. Früher planten wir akribisch konkrete Angebote für die Kinder mit Sitzplan, mit Lernzielen, mit Erwartungen an Kinder, die sie erfüllen sollten, mit Erwartungen was sie lernen sollten. Es wurde schon am Jahresanfang festgelegt, was wann wie gefeiert wird, welche Lerninhalte wir den Kindern vermitteln wollen. Heute planen wir nicht mehr im Vorfeld, sondern beobachten die Kinder, um deren Bedarfe zu ermitteln. Sie entscheiden über Abläufe, Raumgestaltung, Ausflüge und über Belange, die sie betreffen, mit. Das heißt für uns Pädagogen als Anforderung: mehr Flexibilität, loslassen können, aushalten können, wahrnehmend beobachten, dokumentieren, nicht „meine Wahrheit“ vorgeben. Wichtig für uns ist es, die Kinder zu begleiten und Räume zu schaffen, die Kinder anregen, selbst tätig zu werden. Das erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion, stetige Arbeit an sich. In unserem Aufgabenbereich Dokumentation hat sich ebenfalls der Blick verändert. Zusätzlich zu den klassischen, diagnostischen Beobachtungsbögen kam die Portfolio-Arbeit hinzu. Sie ist eine wichtige Säule der pädagogischen Arbeit geworden, um die Entwicklung der Kinder für sie selbst, ihre Eltern und uns sichtbar zu machen.
Es gibt große Herausforderungen und Anforderung im Alltag einer pädagogischen Fachkraft. Mit Singen und Basteln allein ist es schon längst nicht mehr getan. Trotzdem ist es meiner Meinung nach der vielfältigste Beruf, den man erlernen kann - und was gibt es Schöneres als ein fröhliches Kinderlachen?“
Frage: „Bei all dem Wandel, den Veränderungen im Stadtteil und der Modernisierung – was ist in den letzten 50 Jahren in St. Christoph eigentlich immer gleichgeblieben? Was macht den unverwechselbaren Kern oder den Geist dieser Einrichtung aus?“
Stephanie Neumair: „Das Zitat „Die einzige Konstante ist die Veränderung“ (Heraklit von Ephesus) trifft den Nagel auf den Kopf in unserer KiTa. Trotzdem würde ich meinen, dass der Geist des „Schutzpatrons der Reisenden“, unser Namensgeber, der heilige Christophorus in unserer KiTa konstant präsent ist. Wie er als Hüne Menschen über einen reißenden Fluss trug, so begleiten die Pädagoginnen der Kita St. Christoph Familien durch den Fluss der Zeit konstant und zuverlässig. Ein Kommen und Gehen, und trotzdem immer gelebte Gemeinschaft. Vertrauensvoll durch die Jahrzehnte hindurch wurde stets auf das Wohl und die Bedarfe der Familien geachtet und diverse Umstrukturierungen zur Verbesserung der Qualität für Familien unternommen. Für Eltern durch die Jahre besonders attraktiv: Die Lage direkt neben der Grundschule. Eine enge Vernetzung wie die Mitnutzung der Schulturnhalle und gegenseitige Besuche erleichtern den Kindern den Übergang: das war auch „schon immer so“ (zwinkern). Der gemütliche Charme unseres Hauses durch das viele Holz empfängt Familien fast unverändert, die Mauern sind beständig, auch wenn sich das Innenleben stetig ändert. Das Fundament steht auf den drei christlichen Pfeilern: Glaube, Liebe, Hoffnung.“
Frage: „Ein halbes Jahrhundert voller Kinderlachen und lebendiger Geschichte muss natürlich gebührend gefeiert werden: Wie genau begeht die KiTa St. Christoph Ende Juli diesen großen Geburtstag, und worauf dürfen sich die Kinder, Eltern und Ehemaligen besonders freuen?“
Stephanie Neumair: „Wir feiern im Rahmen des Pfarrfestes der Pfarrei St. Christoph unser Jubiläum, um die Gemeinschaft und Vernetzung mit der Pfarrei zu betonen. Auftakt ist um 10:00 Uhr der Festgottesdienst in der Kirche, sowie nebenan in unserem Haus die Kinderkirche, in der die Kinder aus dem Leben und Wirken des St. Christophorus erfahren. Danach ziehen wir zum Vater unser in die Kirche ein und tragen mit einem Lied bei. Dankenswerterweise unterstützt uns musikalisch Christoph Hämmerl, der jahrelang in der Kita mit den Kindern sang. Markus Schweizer, der Geschäftsführer der Kath. KiTa Ingolstadt gGmbH, die zum 1. Januar 2022 die Trägerschaft der Einrichtung übernommen hat, Pfarrer Sebastian Stanclik und ich werden ein paar Worte an die Festgemeinde richten. Danach sorgt die Pfarrei für das leibliche Wohl, während Interessierte ab 12:30 Uhr unsere Einrichtung besichtigen können. Besondere Highlights sind: ein Zeitstrahl von damals bis heute in der KiTa; ein Außenatelier zum Kreativwerden; ein Außenbaubereich zum eigenen Konstruieren mit unspezifischem Baumaterial; und Graffitisprühen an der Jubiläumswand – gestalten Sie mit und verewigen Sie sich (zumindest für die nächsten Jahre) in unserem Garten!
Die Jugend der Pfarrei hat ihrerseits Überraschungen für Kinder geplant. Es erwartet Sie also jede Menge Abwechslung. Schauen Sie vorbei – Sie sind herzlich eingeladen dieses besondere Fest mit uns zu feiern – dabei sein lohnt sich!“
Die Fragen stellte Verena Vogl

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Kontakt
Kath. Reggio-Kindergarten St. Christoph
Jurastr. 8
85049 Ingolstadt
Tel.: 0841 87063
E-Mail: kita.st.christoph.in(at)bistum-eichstaett(dot)de
Leiterin des Kindergartens: Stephanie Neumair
Stellvertreterin: N.N.








